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Dienstag, 27. September 2016

MY JERUSALEM / A Little Death

Das Sommerloch ist zwar vorbei, aber einen Nachzügler, den ich unbedingt vorstellen möchte, hab ich noch. Das Album "A Little Death" der texanischen Band MY JERUSALEM erschien Ende Juni dieses Jahres. Gegründet wurde die Band bereits 2008, damals noch in New Orleans, von Bandleader Jeff Klein, der heute noch als einziges Gründungsmitglied an Bord ist. Im März 2010 erschien die Debüt-EP "Without Feathers" und noch im gleichen Jahr der erste Longplayer "Gone for Good". Nach "Preachers" (2012) ist "A Little Death" nun der dritte Streich der Band.


Charakteristisches Merkmal der Band ist die sonore Stimme von Sänger Jeff Klein (vorher bei The Gutter Twins und The Twilight Singers tätig), die unwillkürlich an Nick Cave & The Bad Seeds erinnert, aber auch deutlich Einflüsse aus der DarkWave-Ecke (Bauhaus, Joy Division, The Editors) zeigt. PostPunk-Blues, wenn man es so nennen will.



Das Werk startet mit der düsteren Mid-Tempo-Ballade "Young Leather", die anfänglich an "Personal Jesus" von Depeche Mode erinnert, aber mit deutlich mehr Dramatik und einigen feinen Saxofon-Parts versehen ist. Als Backgroundsängerin macht sich bei diesem Song übrigens Elle King, bekannt durch den Hit "Ex's & Oh's", verdient.



"Rabbit Rabitt" legt an Düsternis und Tempo eine ordentliche Schippe drauf, die Vergleiche mit den Bands aus der DarkWave-Ecke dürften nun verständlich werden. Der nächste Hinhörer ist das mit sehnsüchtigem Gesang vorgetragene "No One Gonna Give You Love", das vom Arrangement und der Aura an großartige Scott Walker-Hymnen erinnert. Solche Songs schreibt man also, wenn man sich einen Monat in ein kleines Häuschen am Brighton Beach in Brooklyn einmietet, um den Tod der eigenen Mutter zu verarbeiten, um den Schmerz und die Erinnerungen in Songs für ein Album zu verwandeln.



Bei "Done and Dusted" darf die Gitarre unendlich lange klingen, nur ab und an ist es Schlagzeuger Grant Van Amburghden vergönnt, sich mit seinem Instrument in Szene zu setzen. Klein wirft einen Blick zurück. Hier klingen die Texaner so getragen und melancholisch wie es auch The National perfekt beherrschen.

Nachdem "Flashes" zu einem hintergründigen Maschinensound durch die Nacht huscht und "Dominoes" zu einem treibenden Beat einzelne Klaviertöne und viel Saxofon präsentiert, folgt mit "Eyes Like a Diamond Mine" ein weiteres Highlight. Ein seltsam schepperndes Schlagzeug führt durch den Song, der durch eine exzellente Hook und formidable Gitarrenarbeit von Herrn Jon Merz besticht. Very fein!

Eine lupenreine Düster-Ballade, in der man alle Sorgen ertrinken lassen kann, ist "Candy Lions". Wahrscheinlich hätte Elvis, wenn er noch leben würde, ein Alterswerk voll mit solchen Nummern herausgebracht. Danach dürfen bei "Jive For Protection" die Gitarren mal etwas mehr randalieren und Jeff Kleins Gesang klingt ansatzweise wie der des leider nicht mehr sehr glorreichen Glenn Danzig.

Der kleine Tod (A Little Death) macht auch vor der Jugend keinen Halt. "Young and Worthless" baut auf eine ausgedehnte Ouvertüre, ehe ein billig klingender monotoner Low-Fi Beat den Takt vorgibt. Alles immer schön im gedrosselten Tempo und mit morbiden Charme.

Zum Schlusspunkt setzt "Chrysalis" ein weiteres Highlight. Ein Herzschlagrhythmus im Ruhezustand, in etwa kurz vor dem Einschlafen wird von Kleins tiefer Stimme umschmeichelt und nur spärliche Akzente gesetzt. Plötzlich, mit einem unerwarteten Schlagzeugfeuerwerk und dröhnenden Gitarren kippt der Song im letzten Drittel und spaziert galant in ProgRock-Nähe.

Insgesamt ein wunderbar rundes Album, das trotz seiner Geschlossenheit nicht langweilig wird und ein idealer Begleiter zu alkoholischen Getränken und hochgeistigen philosophischen Gesprächen zu fortgeschrittener Stunde ist. Prost. Amen. Danke.


Tracklist:
01 Young Leather
02 Rabbit Rabbit
03 It's Torture
04 No One Gonna Give You Love
05 Done and Dusted
06 Flashes
07 Dominoes
08 Eyes Like a Diamond Mine
09 Candy Lions
10 Jive For Protection
11 Young and Worthless
12 Chrysalis

Sonntag, 25. September 2016

LE BUTCHERETTES live im Arttheater in Köln (23.09.2016)

Location: Arttheater, Köln
Date: 23.09.2016

 

Showtime mit LE BUTCHERETTES im Arttheater in Köln-Ehrenfeld. Gegründet wurde die punkige GarageRock-Band von der in Denver/Colorado geborenen Teri Gender Bender, bürgerlicher Name Teresa Suárez, 2007 im mexikanischen Guadalajara. 

Nachdem Teri einen Schlagzeuger (Auryn Jolene) fand, wurde die Band schnell im mexikanischen Underground bekannt, was nicht zuletzt an der spektakulären Bühnenshow lag. Le Butcherettes kostümieren sich mit blutverschmierten Schürzen über 50er-Jahre-Klamotten und hantieren mit  Vorliebe mit Kunstblut, Schweineköpfen und Lebensmitteln wie Eiern und Mehl auf der Bühne, um für die Rechte der Frau zu kämpfen.


2009 kommt es zum Split mit Auryn Jolene, woraufhin Teri nach Los Angeles zieht und dort in Normandi Heuxdalfo einen neuen Schlagzeuger findet. Der erste, von Omar Rodriguez-Lopez von The Mars Volta produzierte Longplayer "Sin Sin Sin" erscheint im Mai 2011. Die Bandbesetzung ändert sich mehrfach. Schlagzeuger Gabe Serbian und Bassist Jonathan Hischke kommen und gehen. Die aktuelle Bandbesetzung besteht laut Wikipedia zur Zeit aus Teri sowie Chris Common an den Drums und Riko Rodríguez-López an Gitarre und Bass, aber wie sich später im Arttheater zeigen sollte, hat sich die Bandbesetzung wohl schon wieder geändert, dazu später mehr.

Mit insgesamt drei Alben, 2014 erschien "Cry is for he Flies" und 2015 das mit Gastauftritten von John Frusciante und Iggy Pop geschmückte "A Raw Youth" im Gepäck, beehrt das Trio nun die Domstadt am Rhein. Herzlich Willkommen!

Das Arttheater in Köln-Ehrenfeld ist leider nicht ausverkauft, aber der Abend ist spätsommerlich warm und als das Konzert gegen viertel nach acht mit THE PICTUREBOOKS beginnt, ist die Laune bestens.

Die beiden Herren auf der nur sehr spärlich ausgeleuchteten Bühne sind Fynn Claus Grabke (Vocals, Guitar) und Philipp Mirtschink am Schlagzeug. Sie sehen aus wie Biker und spielen eine Variante des BluesRock, den ich in dieser Art bisher noch nicht gehört habe. Kann man das als indianischen BluesRock bezeichnen? Das Schlagzeug wird mit Schlegeln brachial bearbeitet und klingt wie bei Indianern auf dem Kriegspfad. Dazu stimmt Sänger Fynn vorwiegend unartukilierte Vokallaute (Uh Uh Uh, Ah Ah Ah, etc.) an, die ebenfalls klingen, als hätten sich amerikansiche Ureinwohner in einen Rausch gesungen. Wir spekulieren, ob indianisches Blut durch die Adern der beiden fließt, aber uns ist nicht bekannt, dass es in Gütersloh indigne Völker dieser Art gab.



Es ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, was die Jungs auf der Bühne abliefern, aber es ist laut, das Schlagzeug wirklich fett und mit einem Bier in der Hand fühle ich mich doch recht gut unterhalten. Prost ihr Gütersloher Indianer!

Nach einer kurzen Pause beginnt die Show von LE BUTCHERETTES. Teri steht an den Keys und trägt einen olivfarbenen Overall. Im Geischt ist sie mit einem breiten roten Balken quer über die Augen bemalt. Am Schlagzeug sitzt eine Drummerin mit blauen Haaren und am Bass ein blasser dünner Junge - nein nicht Herr Böhmermann.

Der Opener ist "Tonight" vom ersten Album "Sin Sin Sin" und schon beim ersten Song wird klar, dass diese Band weniger für die Konserve, sondern viel mehr für die Bühne gemacht ist. Teri ist ein alles verschlingendes Raubtier auf der Bühne, die mich mit ihren extrovertierten Posen stark an Olivia vom französisch/finnischen IndiePop-Duo The Dø erinnert.

Teri wirbelt über die Bühne, bangt ihre Haare, gestikuliert wild mit den Armen, macht spanische Ansagen, die hier wohl kaum einer versteht - die aber sehr erotisch klingen, wechselt zwischen Keyboard und Gitarre und jagt ihre auch live vorzügliche Stimme durchs Mikro. Besonders faszinierend ist, wie sie bei "The Leibniz Language" zwischen sanfter und agressiver Stimme in Sekundenschnelle hin und her switcht. Die Dame hat Feuer und da bleibt es natürlich nicht aus, dass das Publikum in Flammen steht, spätestens dann als sie ihren Overall wie ein lästiges Objekt abstreift und in einem blutroten Kleid die Show weiter aufheizt.



Le Butcherettes spielen sich gekonnt und höchst energetisch durch ihr Songmaterial, wobei der Schwerpunkt auf dem ersten und dem aktuellen Album "A Raw Youth" liegt. Dass Teri mal wieder mit neuen Mitstreitern unterwegs ist, tut der Sache keinen Abbruch, weil fest steht die Gleichung: Teri Gender Bender = Le Butcherettes.



Neben den erwartbar live formidabel zündenden Songs "Henry Don't Got Love " und  "I'm Getting Sick of You" brillieren ganz besonders das punkige "Bang!" und die mit spanischen Vocals geschmückte mystische Nummer "La Uva", bei der auf dem Album Iggy Pop seine senore Stimme beisteuert.



Das einzige Manko an diesem Abend bei dem Le Butcherettes eindrucksvoll ihre Live-Performance-Qualität bestätigten und zeigen, dass radikaler Feminismus Spaß machen kann ist, dass es ein relativ kurzes Vergnügen war und man leider komplett auf eine Zugabe verzichtete.

Sehr schade, denn ich hatte mir fest vorgenommen während dieser lautstark nach dem herrlichen Cover von "Wrecking Ball" zu rufen. Aber trotzdem gerne immer wieder!




Donnerstag, 22. September 2016

NEW SONGS Vol. 134: PREOCCUPATIONS / Memory ... ARGONAUT & WASP / Loser Like You ... GRIT / New Car ... SLEAFORD MODS / TCR


PREOCCUPATIONS / Memory

Die Kanadier PREOCCUPATIONS haben am 16. September ihr erstes gleichnamiges Album veröffentlicht, auf dem sie konsequent da weiter machen, wo sie noch unter dem Namen Viet Cong in 2015 aufgehört haben. Der Bandname ist nach Scherereien nun also neu und politisch korrekt, die Musik ist noch immer schwerer PostPunk mit Noise-Elementen.

Das Meisterwerk auf dem neuen Album ist der über 11 Minuten lange Song "Memory". Ein geisterhaftes PostPunk-Opus, das sich aufdrängt und wieder zurücknimmt, mit rabiaten Breaks und unerwarteten melodiösen Strängen aufwartet und trotzdem wie aus einem Guss ist. Very fein!




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ARGONAUT & WASP / Loser Like You

Solange Verlierer ihr Unvermögen nicht mit Arroganz mischen, haben diese Typen doch oft etwas Sympathisches an sich. Nicht umsonst war die Hymne "Loser" von Beck Hansen 1993 ein Chartbreaker.

ARGONAUT & WASP singen auch über Loser, aber mit viel 70er Jahre Groove und einem charmant witzigen Text. Dazu gibt es Klänge, die laut Bandinfo von Legenden wie Talking Heads, LCD Soundsystem oder David Bowie inspiriert wurden.

Laut Band-Homepage wurde der Song tief in der Nacht geschrieben, in einem Zustand frustrierter Verwirrung. Wenn immer so eine funky chilled IndieDance-Nummer dabei herauskommt, wünsche ich dem Quintett noch viele verwirrte und frustrierte Nächte in ihrer Heimatstadt NY/Brooklyn.





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GRIT / New Car

Auch Altbewährtes kann frisch klingen! GRIT aus Los Angeles machen feuchtfröhlichen GarageRock, der ohne moderne Spielereien auskommt und einfach auf die Zwölf schlägt.

Nicht nur wegen des Titels "New Car" eignet der Song sich hervorragend dazu, auf der Autobahn, wenn man mal freie Piste hat, das Gaspedal nach unten durchzudrücken. Man hat dann tatsächlich den Eindruck als würde durch den treibenden Beat und den rotzigen Gesang von Frontfrau Kat Meoz noch ein paar mehr Pferdestärken unter der Haube wirken. Gute Fahrt!




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SLEAFORD MODS / TCR

Dass ich der Musik der Herren Williamson und Fearn, die das Duo SLEAFORD MODS bilden, viel abgewinnen kann, hat sich vermutlich schon bis die entlegensten Winkel der Welt herumgesprochen.

Auf der erstmals bei Rough Trade am 14.10. erscheinenden fünf Titel umfassenden EP "TLC" machen die geliebten Pöbel-Briten (fast) weiter wie gehabt. Monotoner aggressiver Beat, bissige garstige Lyrics. Laut Iggy Pop sind sie deshalb: "Undoubtedly, absolutely, definitely the worlds greatest rock n roll band".

Aber irgendwie kommt mir "TLC" (=Total Control Racing) nicht ganz so aggressiv und wütend vor wie die bisherigen Veröffentlichungen - liegt vielleicht daran, dass die Wüteriche Autos im Kreis fahren lassen dürfen? Das hat auch mich als Kind schon immer beruhigt! Die Idee hinter "TLC" und dem immer im Kreis fahren war aber eine andere wie Williamson dem NME erklärte:

"It's a pretty crap device, and I thought it married perfectly to the idea of life's (at times) rotating dross. The narration/vocal over the song is just that, an account of a bloke reacting to what he feels is a routine-laden existence by 'escaping' for the night to the pub, only to realise this is also a limited experience, and in turn all options kind of merge into a circular experience of never ending repetition that he tries to navigate."

Also lasst euch nicht vom Alltagsscheiß zu sehr einlullen, sondern verlasst ruhig auch mal die abgefahrenen Routen und genießt jetzt erstmal den famosen 80s-Retro-Clip zu "TCR" ;-)

Tracklist:
01 TCR
02 I Can Tell
03 Britain Thirs *My Favourite!
04 Dad's Corner
05 You're A Nottshead




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