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Samstag, 28. Mai 2016

OS MUTANTES / Tecnicolor (1970/2000)

HERZPLATTENREMEMBER THAT OLD SHIT
Kategorie: Psychedelic Sixties Pop
Veröffentlichung: 1970 / 2000

 

Das erste Mal hörte ich von dieser Band in einem Interview mit Björk im Musikexpress, irgendwann Mitte der 80er-Jahre.

Björk
erzählt, dass ihre Eltern, beide sehr der Hippiebewegung zugetan, ständig die Musik dieser brasilianischen Band hörten und sie dadurch in ihrem künstlerischen Schaffen ebenfalls von OS MUTANTES beeinflusst wurde.

Das mag, wenn man die Musik des brasilianischen Kollektivs hört, seltsam anmuten, denn augenscheinliche Parallelen zu Björks Musik lassen sich nur schwer feststellen. So ist es wohl mehr die Grundideologie des Tropicalismo, die Björk in ihrer Denk- u. Arbeitsweise beeinflusste.

Os Mutantes gehörten dieser in den Sechzigern entstandenen kulturell-politischen Bewegung an und bildeten mit Gilberto Gil und Gal Costa die Speerspitze der Bewegung. Die Musik der Mutanten mischt typische lateinamerikanische Klänge (häufig den Bossa Nova) mit psychedelischen Elementen der Rockmusik. Heraus kamen dabei oftmals Soundcollagen, wie man sie heute in den Zeiten des Sampelns gewohnt ist, die zu Beginn der 70er Jahre aber für viele Ohren eine ziemliche Herausforderung gewesen sein mussten.



Das Album "Tecnicolor" war das vierte Album der Band und sollte als Türöffner für die englischsprachige Welt dienen. Alle Songs waren 1970 in Paris, nun nicht in portugiesisch, sondern in französisch und englisch neu eingespielt worden, aber dann gingen die Bänder irgendwie verloren oder, so eine andere Geschichte, die Band war plötzlich mit den Aufnahmen unzufrieden, auf jeden Fall erschien das Album erst ganze 30 Jahre (!!) später auf Universal Records.





Gott sei Dank, denn "Tecnicolor" ist ein brillantes Meisterwerk und kaum mit einem anderen Album der Weltmusikgeschichte zu vergleichen. Wer Lieder wie das entrückte "I Feel A Little Spaced Out (Ando Meio Desligado)", "Saravah" oder das umwerfende "Baby" zum ersten Mal hört und dem ganzen Album Zeit zum Wachsen gibt, der wird verstehen, wieso "Tecnicolor" ganz weit vorne auf der Liste meiner absoluten Lieblingsalben steht.



Tracklist:
01 Panis et Circenses
02 Bat Macumba
03 Virginia
04 She's My Shoo Shoo (A Minha Menina)
05 I Feel A Little Spaced Out (Ando Meio Desligado)
06 Baby
07 Tecnicolor
08 El Justiciero
09 I'm Sorry Baby (Desculpe, Babe)
10 Adeus, Maria Fulô
11 Le Premier Bonheur du Jour
12 Saravah
13 Panis et Circenses (Reprise)

Mittwoch, 25. Mai 2016

BIG THIEF / Masterpiece

Ein Debütalbum mit dem Titel „Masterpiece“ zu versehen, zeugt entweder von einer guten Portion Selbstvertrauen oder von Ironie. Die Entscheidung, was auf die Band BIG THIEF aus Brooklyn / NY um Songwriterin Adrianne Lenker eher zutrifft, dürfte nach der Besprechung des auf Saddle Creek erschienenen Albums leichter fallen.


Zuerst muss klargestellt werden, dass es sich zwar um ein Debüt handelt, dass die vier Bandmitglieder aber keine blutigen Anfänger, sondern gestandene Musiker sind - ganz besonders Madame Lenker!

In einem interessanten Interview mit dem Magazin Drunkenwerewolf  antwortet Lenker auf die Frage, wann sie eigentlich anfing Musik zu machen, mit: "I started making music when I was too little to hold a guitar, and then I picked up a guitar as soon as I got big enough. I'm not really sure why, I just needed to sing."

Im Teenageralter von 15 Jahren veröffentlicht sie ihr Debütabum "Stages of the Sun", von dem ich leider bis auf den Song "So little Life", eine mit Streicher versehenen Ballade zwischen Folk und Pop, nichts mehr im Netz finden konnte. Deswegen habe ich mir soeben, seit langer Zeit mal wieder, statt Vinyl eine gebrauchte CD bestellt. Nur vom Cover-Eindruck her hätte ich diese CD allerdings nie bestellt und mittlerweile ist sie auch eingetroffen und wer nicht gerade auf Teenager-Pop steht dem kann ich verraten, dass es kein essentieller Baustein in Lenkers Karriere ist ;-).

Mit 21 hat sie ihr zweites Album "Ringing Bells" fertig, sieht aber von einer Veröffentlichung des Albums ab. Lediglich der Titelsong ist über Bandcamp zu erhalten. Das zeugt entweder von großer Unsicherheit oder von einem selbstgewählten hohen Qualitätsstandard. Beides kann man in einer Zeit, in der millionenfach halbgare Sachen im Netz veröffentlicht werden, eigentlich nicht hoch genug bewerten.



Weitere zwei Jahre später ist es dann aber doch soweit und es erscheint AdriAnnes zweites, eigentlich aber drittes Album "Hours Were The Birds". Ein minimalistisches, fast akustisches Album, fest in den klassischen Singer/Songwriter-Strukturen verankert, mit witzigen intelligenten Texten und einer zerbrechlichen Stimme zum Dahinschmelzen - so wundervoll unperfekt. Anspieltipps auf diesem entzückenden Geheimtipp, welches ebefalls über Bandcamp zu beziehen ist, sind: "Butterfly", "Hours Were The Birds", "Lighthouse" und "When we were Young". Wer dann noch nicht Feuer gefangen hat, ist unbrennbar.

Auch von schlechten Cover-Designern und Marketingtödeln scheint sie sich nun endgültig empanzipiert zu haben ;-)

Genug der Vorgeschichte. Heute also singt Adrianne in besagter Band namens Big Thief, zusammen mit ihrem alten Weggefährten Buck Meek an der Gitarre, Max Oleartchik am Bass sowie James Krivchenia an den Drums, und macht leicht schrammeligen IndieRock, dem sie mit ihrer außergewöhnlichen Stimme eine ganz besondere Note verleiht.

Auf "Masterpiece" gelingt es Lenker zusammen mit ihren Mannen ihre gesammelten Erfahrung aus Folk und American in einzigartiger Manier mit Elementen aus IndieRock und Grunge zu kombinieren. Dabei entstehen so großartige Stücke wie "Real Love", das minimalistisch mit Lenkers verletzlicher Stimme und vereinzelten Gitarrentupfern beginnt und letztendlich in einer nahezu ekstatischen Noise-Orgie ausufert. Very fein, aber nicht das einzige herausragende Stück auf diesem Debüt-Meisterwerk.



Da wären noch das poppige, vom satten Schlagzeug getragene "Vegas", das luftig leicht auf Gitarrenakkorden schwebt, für Grunge-Freunde das krachende "Humans" sowie "Interstate" und für LoFi-Freaks das charmante "Little Arrow".

Außerdem muss man einfach das betörende "Paul" lieben, das mich sehr an Sharon van Etten erinnert, die sich ihrerseits schon mehrfach als großer Big Thief-Fan geoutet hat. Das zärtliche "Lorraine" sollte man auch nicht vergessen, aber DAS Argument, welches dieses Album zu einem tatsächlichen Meisterwerk macht, ist die Schrammelhymne "Masterpiece", die mit einem fetten Monster-Hook auffährt und herrlich verzerrte Gitarren himmlisch erklingen lässt. Aufwühlend, wuchtig, kurz einfach umwerfend!



Ein herzerfrischendes Album mit lauten und leisen Gitarren, mit einer hochemotionalen, aber auch stürmischen Sängerin, mit melancholischer Note und einer Prise Nostalgie - definitiv ein Favorit für die Platte des Jahres 2016. Und beim Cover-Design hat man auch die Champions League erreicht!

Und wie schreibt die Band auf ihrer Bandcamp-Page zu "Masterpiece" so schön: "Listening to Big Thief is like the feeling of looking at a dog and suddenly marveling that it is like you but very not like you; when you are accustomed to looking at a dog and thinking ‚dog‘, watching Big Thief is like forgetting the word ‚dog‘ and looking at that naked animal and getting much closer to it and how different it is to you."


Tracklist:
01 Little Arrow
02 Masterpiece
03 Vegas
04 Real Love
05 Interstate
06 Lorraine
07 Paul
08 Humans
09 Velvet Ring
10 Animals
11 Randy
12 Parallels

Sonntag, 22. Mai 2016

QUILT live im King Georg (Cologne 20.05.2016)

Location: King Georg
Date: 20.05.2016

 

Vor wenigen Wochen hatte ich das Glück, erstmalig die USA zu bereisen. Eigentlich hatte ich mir natürlich auch vorgenommen, mindestens ein Konzertchen zu erleben, aber wie es der Teufel will, waren alle interessanten Konzerte zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes in New York und Boston aus den unterschiedlichsten Gründen nicht machbar.


Umso mehr freute es mich, dass ich nun einer der besten Bands aus Boston in einer meiner Lieblingslocation in Köln sehen konnte.

QUILT gründete sich 2008 in Boston, bezeichnet sich selbst aber als New Yorker Band, deren vier Mitglieder in Brooklyn, Upstate New York und New Hampshire leben.

Aushängeschild des Quartetts ist Sängerin und Gitarristin Anna Fox Rochinski. Ihr zur Seite stehen am Bass Keven Lareau, an der Gitarre Shane Butler und John Andrews am Schlagzeug. Die Bandgründer Rochinski und Butler lernten sich am College in Boston kennen, starteten als Duo, holten einen Drummer dazu, der die Band aber bereits 2011 nach dem in Cambridge aufgenommenen Debütalbum "Quilt" wieder verließ und durch John Andrews ersetzt wurde.

Das zweite Album "Held in Splendor" nahm die Band 2014 in Brooklyn auf. Da sich das musikalische Spektrum nicht mehr auf FolkRock beschränkte, sondern deutlich um Elemente aus Psychdelic und DreamPop erweiterte, benötigte man für die Liveumsetzung des Albums mehr Hände, weswegen man mit Keven Lareau am Bass ein weiteres Bandmitglied aufnahm.

Anfang 2015 ging die Band dann erneut ins Studio und arbeitete am dritten Album "Plaza", welches im Februar dieses Jahres erschien. Nun tourt die Band durch Europa und macht Halt in der schönsten Stadt am Rhein.

Das King Georg ist gut gefüllt und auf der winzigen Bühne steht neben dem zu erwartenden Equipment auch ein Keyboard, weswegen damit zu rechnen ist, dass die Band  für die Liveumsetzung von "Plaza" einen weiteren Musiker mitgebracht hat.

Als es irgendwann nach 21 Uhr losgeht, betritt neben den bekannten Bandmitgliedern tatsächlich auch eine Keyboarderin die Bühne. Wer das King Georg kennt, weiß, dass bei fünf Mann auf der Bühne der Raum verdammt eng wird. So muss sich Bassist Keven Lareau sein Plätzchen am Rande der Kuschelsitzgruppen suchen.

Der Hingucker ist natürlich Anna Fox Rochinski, die in einer kleinen schwarzen Kombination mit schickem übergeworfenem Kurzkimono und quietschroter Gitarre alle Augen auf sich lenkt. Los geht es mit dem verträumten "Passerby" vom aktuellen Album. Anna hält beim Singen oftmals die Augen geschlossen und scheint sich ganz in der Musik zu verlieren. Die Band ist hervorragend aufeinander eingespielt und der Sound im kleinen Kölner Club erstaunlich gut.



Aber leider will nicht nur bei mir, sondern auch bei den meisten meiner heute zahlreichen Konzertbegleiter der Funke nicht so recht überspringen. Ich fürchte es liegt daran, dass das neue Album "Plaza" im Gegensatz zum Vorgänger-Album "Held in Splendor" vom Songwriting eher schwächer zu bewerten ist. "Plaza" setzt mehr auf jamartige Songs, was ja eigentlich live eine Bank sein sollte, aber dafür spielt die Band zu sehr mit angezogener Handbremse.

Stellenweise erinnert der "neue" Sound an den Drone-Sound des Moon Duo und wenn Quilt dann etwas lauter wird und loslässt, passt es auch, aber diese Momente sind leider zu selten. Wenn schon psychedelische Jams, dann bitte etwas schmutziger, etwas rauer, gerne etwas ausschweifender und brachialer. Speziell das Schlagzeug dürfte man etwas variabler gestalten, zeitweilig erinnert mich das stoische Schlagzeugspiel von Drummer John Andrews tatsächlich an den kürzlich verstorbenen Peter Behrens von Trio.

So sind für mich an diesem Abend dann doch eher die wenigen Songs vom 2014er Album, wie das wundervoll schwerelos schwingende "Tie up the Tides", die Highlights.

Ach und verblüffend an diesem Abend fand ich, dass ich bei einigen Songs von "Plaza" fest der Überzeugung war, dass Anna singt, ich aber feststellen durfte, dass Gitarrist Shane Butler die Vocals mit ähnlich weicher Stimme hauchen kann und dass, wenn ich mich nicht auf die Bühne konzentrierte, sondern die Augen schloss, ein kleiner Funke doch übersprang.

Kein ganz rundes Konzert, aber trotzdem ein schöner Abend mit Musik, die ausnahmsweise aus der Dose besser kommt als live.